Mein Leben als Papa (Teil II)

… oder 24/7-Superdaddy.

Wir freuen uns unheimlich, dass sich Res Liebster Man in Helvetica wieder mal die Zeit genommen und für unseren Blog einen Gastbeitrag verfasst hat. Wir wünschen euch gute Unterhaltung beim Lesen !

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

ich wurde gebeten, hier ein paar Sätze zu schreiben, um dem Blog eine maskuline Note zu verleihen und aus Sicht eines Mannes über Windeln und Lippenstifte zu schreiben. Beides ist Zuhause reichlich vorhanden, wobei die Windeln zahlenmässig noch klar im Vorsprung sind, insbesondere die vollen, die ich die letzten Tage und Wochen gefühlt tonnenweise der Müllabfuhr zuführen konnte.

Aber beginnen wir von vorne: Im Rahmen einer sechswöchigen Karrierepause hatte ich ausgiebig Zeit, mich vollumfänglich um den eigenen Nachwuchs zu kümmern. Was in anderen Ländern durch fortschrittliche Elternzeit locker ermöglicht wird, ist in der Schweiz auf dem Stand der Kreidezeit stehen geblieben. Im reichsten Land der Erde sind 2 Tage Vaterschaftsurlaub gesetzlich geregelt, kulante und/oder moderne Arbeitgeber gewähren einem frischgewordenen Papa vielleicht eine Woche bis max. 10 Tage. Mit anderen Worten: Ein frischgebackener Vater steht in der Schweiz auf verlorenem Posten,… nicht nur bei den Kindern, auch bei der Frau.

Daher war ich dankbar, den Vaterschaftsurlaub in gewisser Weise nachholen zu können. Einerseits, weil die Jungs nun doch schon in einem Alter sind, wo gewisse Dinge ohne Beisein der Mama möglich sind und ein Gefühl der Freude aufkommen lassen. Ich will aber ganz ehrlich sein: Als Papa war ich in den ersten Wochen und Monaten nach der Niederkunft total überfordert und frustriert. Nicht nur weil da plötzlich ein kleines, unselbständiges Wesen den ganzen Platz an der Seite meiner Frau einnahm (ungeachtet der Tages- und Nachtzeiten), sondern weil ich ganz schnell auf verlorenem Posten stand. Ich hatte ein riesen Respekt vor all den Aufgaben, die ich im ersten Schritt nicht zu bewältigen wusste. Wie zieht man beispielsweise ein unruhiges Kind gewaltfrei an, ohne die KESB auf den Plan zu rufen? Wie beruhigt man ein schreiendes Kind, dass augenscheinlich keine volle Windel, keinen Hunger und keine Müdigkeit aufweist? Wie kann man kleines Kind den ganzen Tag sinnvoll beschäftigen und unterhalten, wenn kein sinnvoller Dialog möglich ist? Ich staune noch heute, wie gelassen und selbstverständlich Mütter das hinkriegen und daneben auch noch Haushalt, Familienfinanzen, Ausflüge, Einkauf, Wäsche, Beautyfication und Freundeskreis auf die Reihe kriegen, ohne einen Nervenzusammenbruch oder Panikattacken zu erleiden. Chapeau!

Zurück zu meinem verspäteten Vaterschaftsurlaub: Ich lief bereits nach einer Woche am persönlichen Limit. Ich fühlte mich über- und unterfordert (Babysprache lässt die Hirnzellen schrumpfen), war unausgeglichen, genervt und frustriert. Auf ausgiebigen Spaziergängen stellte ich mir und meinen Kindern ein paar zentrale Fragen, deren Antworten mir bis heute geschuldet bleiben.

Ein überschwengliches „Kinder geben einem soooooo viel!“ sagen nur Eltern, die sich vor der Realität verstecken und anderen eine heile Welt vorspielen. Neben Liebe und Glücksgefühlen geben einem Kinder vorallem schlaflose Nächte, beschneiden die eigene Freiheit und Flexibilität, produzieren Unordnung und Dreck in allen Bereichen (inkl. Auto) und bringen einen mit minimalen Ausdrücken und Verhaltensweisen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Diese Erkenntnis gewann ich nach nur einer Woche in der Rolle des „24/7-Superdaddy“. Ich wurde sofort auf Herz und Nieren getestet, die Kinder lotsten bei mir ihre Grenzen aus, brüteten beide eine ausgewachsene Grippe (inkl. Besuchen beim Kinderarzt) aus und waren nicht immer in der gewünschten Verfassung, wie ich mir das ausmalte. Ich war dementsprechend recht schnell bedient und schaute den kommenden Wochen alles andere als gelassen entgegen. Meine Nächte waren kurz, die Tage lang. Nur langsam schlich sich eine gewisse Routine und Selbstsicherheit in mein Leben zurück. Ich lernte den Tagesablauf zu organisieren, Dinge zu priorisieren und die Zeit komplett zu verdrängen. Bis auf die Essens- und Schlafzeiten wurde Zeit wirklich zweitrangig, Timemanagement kann man mit Kleinkindern in die Tonne klopfen. Viel wichtiger waren kleine, gemeinsame Erfolgserlebnisse, wie beispielsweise ein ruhiger Morgen ohne Revolution bei der Auswahl der Kleider. Den Unterschied zwischen Dinosaurier auf Gelb und Dinosaurier auf Blau kenne ich nun. Über das passende, dem Junior genehmen Schuhwerk will ich gar nicht schreiben,… er hat bereits zu viele und wenn der Junior die Wahl hat, hat der Papa die Qual.

Ich weiss nicht mehr, wie oft ich in den letzten sechs Wochen aus „Der Grüffelo“ oder „Mein grosses Feuerwehr-Spielbuch“ vorlas, oder wieviele Duplohäuser ich auf- und abbaute. Genauso wenig weiss ich, wie oft ich die Wörter „Nein!“, „Hör auf!“ oder „Jetzt ist aber gut!“ sagte. Dafür kenne ich nun meine Kinder! Ich gewann einen Einblick in ihren Tagesablauf. Ich entdeckte Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen, teilte Entwicklungen und Meilensteine. Alles Erlebnisse, die wichtig und unersetzbar sind. Dafür bin ich dankbar! Ich liebe meine Kinder über alles… und meine Frau noch etwas mehr, denn sie ist diejenige, die den Karren am Laufen hält.

Man in Helvetica, Vater in Ausbildung

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2 Kommentare

  1. Lieber Man in Helvetica,

    Ich musste ein paar Mal schmunzeln beim Lesen deiner Zeilen. Danke für die ehrliche Sichtweise eines Vaters.

    Mein Mann war nach der Geburt zwei Wochen zu Hause und ich bin ihm so dankbar dafür. Die erste Zeit ist wie du schreibst sehr streng, neu und eine Herausforderung. Man muss sich als Paar und als Familie erst Mal finden.

    Dass es bei der Frau so einfach aussieht, ist wohl manchmal Einbildung. Auch wir müssen erst Mal in die Rolle als Mutter reinkommen, uns zurechtfinden und organisieren. Aber irgendwann schafft man es hoffentlich und es läuft.

    Ich bewundere alle, die Kind, Haushalt, Job, Freunde und Hobbies auf die Reihe kriegen.

    Liebe Grüsse

    1. Liebe PrinzessinN

      Vielen Dank für deine Zeilen! Ich muss sagen, dass meine Jungs das grösste ‘Projekt‘ ist, das ich versuche in meinem Leben auf die Reihe zu kriegen. Es fordert und fördert mich in allen Bereichen und ich muss noch viel lernen.

      Herzliche Grüsse, MiH

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