Women we love: Eve

… oder zwischen Schwangerschaft und Babyblues.

Bereits zwei umwerfende Frauen zieren unsere Reihe „Women we love“: Mirjam und Patricia.
Heute möchten wir euch Eve vorstellen, unsere helfende Hand, unser aufmunterndes Lächeln, unser Fels in der Brandung, oder kurz: Unsere Hebamme im Wochenbett.

♥ Herzlichen Dank, dass du dir Zeit für uns nimmst. Du warst unser beider Hebamme im Wochenbett. Wie ist es dazugekommen, dass du Hebamme wurdest?
Ganz lustig. Meine Cousine ist sieben Jahre älter als ich und hat früh Kinder bekommen. Als ich nach dem Abitur mein freiwilliges, soziales Jahr gemacht habe, kam ihr zweites Kind zur Welt. Sie fragte mich, ob ich gerne dabei sein möchte. Natürlich wollte ich das und fühlte mich geehrt. Während der ganzen Schwangerschaft habe ich mitgefiebert, bis ich zum Ende hin nicht mehr schlafen konnte, das Telefon stets neben mir, wartend auf den Anruf. An einem frühen Septembermorgen rief ihr Mann an und ich machte mich auf den Weg. Ich war so aufgeregt!
Ihrem Mann gings an diesem Tag nicht so gut und ich durfte einspringen; ihre Hand halten, mit ihr atmen. Meine Cousine dann so unter der Geburt zu sehen, in den Wehen, fand ich nicht schlimm. Und die Geburt war für mich ein sehr schönes Erlebnis, welches mir bis heute am besten in Erinnerung bleibt – trotz der vielen Geburten, die ich bis heute miterleben durfte. Es war ein wunderschönes Erlebnis, sodass ich anschliessend nach Hause gegangen bin und zu meiner Mutter sagte: „Jetzt weiss ich, was ich werden möchte!“
Dann habe ich einige Bewerbungen geschrieben und mich – trotz einer Zusage in der Nähe – für eine Stelle in einem Krankenhaus weit weg von meinem Heimatort entschieden. Die Ausbildung war, wie alle Ausbildungen, streng und ich musste viel büffeln. Damals war es eine dreijährige Ausbildung, die der einer Pflegefachfrau ähnelt, aber mit dem Zusatz „Hebammenwissen“. Wir waren 15 Hebammenschülerinnen – das war teilweise ganz schön belastend und es gab manchmal Zickenalarm…

Wenn ich doch keine Hebamme werden möchte, gehe ich in den OP.

Die Ausbildung war als Blocksystem aufgebaut: Vier Wochen im Gebärsaal mit einer Hebamme und anschliessend zum Beispiel vier Wochen im OP (nicht nur Geburten), was ich auch spannend fand und mir durchaus auch hätte vorstellen können.
Durch diese vielfältige Ausbildung hatte ich nicht nur mit Schwangeren, sondern auch mit Babies, allgemeinen Patienten, aber auch älteren Menschen zu tun…
Im ersten Jahr durfte ich als Zuschauerin die Frauen unter der Geburt begleiten, im zweiten Ausbildungsjahr die Frauen bereits komplett betreuen, wobei eine erfahrene Hebamme stets im Hintergrund war. So bekam ich Einblick in verschiedene Arten, eine Frau unter der Geburt zu betreuen: einige Hebammen waren forsch, andere wiederum sehr lieb, vielleicht zu lieb. Im letzten Jahr durfte man dann verschiedene Praktika machen, um herauszufinden, wie man nach der Ausbildung arbeiten möchte: Als Krankenhaushebamme, Belegshebamme, Hausgeburtenhebamme oder als freiberufliche Hebamme – so wie ich das heute mache.
Ich arbeitete bei einem Gynäkologen mit Hebamme für Schwangerschaftskontrollen und habe ein Praktikum in einem Geburtshaus gemacht. Zum Abschluss, als ich 23 Jahre alt war, musste ich 45 Geburten betreut haben und vorweisen können, dass ich verschiedene Arten von Geburten (Kaiserschnitte, Spontangeburten, Einleitungen, Beckenendlagegeburten, Zangengeburten) betreut hatte.

Ich musste zeigen, dass ich gleichzeitig zwei Frauen während der Geburt betreuen kann.

 23 Jahre? Das ist aber jung! Ist es schwierig als junge Hebamme respektiert zu werden?
Ja, es ist nicht immer einfach. Wenn du so jung bist, musst dich deutlich stärker beweisen, als zum Beispiel mit 30 oder 40 Jahren. Besonders vor den werdenden Eltern, aber auch in einem neuen Team musst du beweisen, dass du es drauf hast, ein fundiertes Hintergrundwissen hast und gute Arbeit leisten kannst.
Nach der Ausbildung habe ich zunächst im Krankenhaus gearbeitet, in welchem ich meine Ausbildung gemacht habe. Bald merkte ich jedoch, dass ich die Theorie zwar voll drauf hatte, mir aber Erfahrung fehlte und ich Zeit für mich brauchte. So kam ich dann nach Berlin. Hier trat ich eine Stelle in einem Krankenhaus an, mit 1900 Geburten – jährlich. Im Früh- und Spätdienst waren wir zu dritt, während der Nachtschicht nur zu zweit, natürlich mit Rufbereitschaft. Oft ist es nämlich so, dass nachts mehr Kinder geboren werden.
Hier musste ich mich wirklich beweisen und musste zeigen, dass ich gleichzeitig zwei Frauen während der Geburt betreuen kann. Das war hart! Ausserdem gab es oft Situationen, in denen ich beispielsweise die Tür aufmachte, eine schwangere Frau herein kam und ich in ihren Augen sah, dass sie sich sagte: „Oh, Gott, so eine junge Hebamme. Kann die das überhaupt?“

♥ Wie ging’s weiter?
Nach vier Jahren Schichtdienst, wusste ich, dass dies nichts für mich ist. Da klingelt eine fremde Frau, du begrüsst sie, begleitest sie – wenn du Glück hast – durch die Geburt und wenn das Kind da ist, verabschiedest du dich wieder. Mir fehlte das Persönliche: Eine Frau vor der Geburt kennenzulernen, sie unter der Geburt zu betreuen und nachher im Wochenbett begleiten zu dürfen.
Während dieser Zeit machte sich eine Hebamme in meinem Team selbständig und arbeitete im Krankenhaus als Beleghebamme. Sie machte mir Mut und meinte, dass ich das mit meinen vier Jahren Berufserfahrung auch machen könne. Genau das war es, was ich wollte. So arbeitete ich dann dreieinhalb Jahre als Beleghebamme.
Anschliessend kam ich in die Schweiz…

♥ Warum kamst du in die Schweiz?
Wegen der Liebe! Mein Mann ist auch Deutscher, lebt aber seit 2000 im Zürcher Oberland. 2006 lernte ich ihn in Berlin kennen und wir führten eineinhalb Jahre eine Fernbeziehung. Eine Fernbeziehung ist schön und gut, aber auf Dauer geht das nicht. Vor allem, wenn man irgendwann mal Kinder bekommen möchte. Für meinen Mann stand fest, dass er nicht nach Berlin ziehen wollte um dort Kinder grosszuziehen – für ihn gehören Kinder nicht in Grossstädte. Da war für mich klar, dass ich zu ihm in die Schweiz ziehe.
Als Hebamme kann man schliesslich auch in der Schweiz gut arbeiten.

♥ Wie ging’s in der Schweiz dann weiter?
In der Schweiz gibt es Richtlinien, die ich mir im Vorhinein gar nicht so genau angeschaut hatte… Ich dachte mir: „Du gehst einfach hin, meldest dich an und mit deiner Berufserfahrung wird schon alles klappen.“ Als ich dann alle Dokumente eingereicht hatte, war klar, dass das so einfach nicht geht. Du musst hier erst dein, in meinem Fall deutsches, Diplom anerkennen lassen und ein gesamtes Jahr lang 100% arbeiten. Das ist grundsätzlich auch gut, immerhin musst du dich ja zuerst einmal an die Schweizer Regeln und das System gewöhnen.
Ich habe mich dann in einem Krankenhaus in der Nähe beworben, wo im 3-Schichtsystem gearbeitet wird. Die hätten mich genommen, aber eigentlich wollte ich nicht in drei Schichten arbeiten, weil man so die Frauen noch kürzer (acht Stunden) betreut und dadurch meist auch nicht bis zum Ende der Geburt.
In Einsiedeln gab es einen 12-Stunden-Dienst. Das hat mir zugesagt, weil man da eher die Chance hat, die Frau bis zum Ende der Geburt zu begleiten. Es ist zwar sehr anstrengend zwölf Stunden zu arbeiten, aber für mich war das trotzdem besser. So habe ich eineinhalb Jahre in Einsiedeln im normalen Schichtdienst gearbeitet, um meine Anerkennung zu bekommen.

♥ Und dann kam dein erstes Kind?
Genau. Nach einem halben Jahr in Einsiedeln wurde ich schwanger. Als mein Sohn da war, genügten mir die offiziellen vierzehn Wochen Schwangerschaftsurlaub allerdings nicht, da ich mindestens sechs Monate stillen wollte. Aus meinem ursprünglichen Plan, nach sieben Monaten wieder einzusteigen, wurde auch nichts, da ich merkte, dass es für mich noch immer zu früh war. Ich bin ich dann erst nach zehn Monaten wieder in die Berufswelt eingestiegen.
Mein Mann kam dann aber zwischendurch mit dem Kleinen vorbei, so dass ich ihn stillen und knuddeln konnte.

Schatz, ich glaube, ich möchte noch ein drittes Kind.

♥ Du hast ja drei Kinder…
Ja, dann wurde ich wieder schwanger und als ich Mama von zweien war, habe ich gemerkt, dass das mit dem Schichtdienst nicht mehr klappt. Also habe ich mit der Begleitung von Wochenbetten begonnen und meine Kleine, wann immer möglich, mitgenommen. Für die meisten Frauen war das kein Problem, ganz selten gab es Frauen die das lieber nicht wollten, was für mich völlig in Ordnung war.
Mein Mann und ich dachten immer, dass wir entweder zwei oder dann vier Kinder haben würden, da die geraden Zahlen ja ein bisschen besser sind. Nach dem zweiten Kind schien auch erstmal alles perfekt – ein gesunder Junge, ein gesundes Mädchen. Aber als meine Tochter zwei Jahre alt war, merkte ich, dass es das noch nicht war – das war einfach so ein Gefühl! Also sagte ich meinem Mann: „Schatz, ich glaube, ich möchte noch ein drittes Kind.“ Und er so: „Ja, klar!“ So wurde unsere Familie dann komplett und ein viertes Kind kam nicht mehr in Frage.
Heute sind unsere Schätze 9, 7 und 4 Jahre alt.

♥ Wie war es für dich, dich in Hände von anderen Hebammen zu begeben?
Das ging total gut! Beim ersten Kind habe ich wirklich alles in Sachen Betreuung in Anspruch genommen. Ich war dann keine Hebamme, sondern einfach eine werdende Mutter.
Das ist auch eine Herausforderung für uns Hebammen: Wenn wir eine Hebamme betreuen oder eine Pflegefachfrau, ist es so wichtig, dass wir sie als Mutter und nicht als Expertin sehen. Dasselbe gilt auch für Frauen die ihr zweites Kind erwarten: Man denkt, dass sie das alles schon können, aber dennoch: Es ist immer wieder was Neues. Das Neugeborene hat eine eigene Persönlichkeit, es trinkt ganz anders, es hat ein ganz anderes Schlafverhalten und ein anderes Kuschelbedürfnis.

Die Frau möchte dieses Erfolgserlebnis haben und sich am Ende sagen: „Ich hab’s geschafft.“

♥ Wir haben dich beide als sehr offen erlebt…
Ich denke, dass das als Hebamme extrem wichtig ist. Ob es für alle Hebammen so ist, weiss ich allerdings nicht. Hausgeburtshebammen beispielsweise wollen schon, dass die Frau das alleine macht und es gibt für sie nur ganz wenige Gründe, warum es zu einem Kaiserschnitt kommen könnte.
Ich finde, dass wir, genau so wie wir entscheiden dürfen, wo wir gebären, auch ein Stück weit mitentscheiden dürfen, wie wir gebären möchten. Es gibt Frauen die grosse Angst oder ein traumatisches Erlebnis gehabt haben und die sich daher gar nicht vorstellen können, spontan zu gebären – deswegen sollten Hebammen ganz offen sein.
Das Hebammenherz pocht aber grundsätzlich schon für die Spontangeburt, weil der ganze Prozess für die Frau, vor allem wenn sie bereits Wehen hat, wichtig ist. Sie möchte dieses Erfolgserlebnis haben und sich am Ende sagen: „Ich hab’s geschafft.“

♥ Was ist das Schönste an deinem Beruf?
Für mich sind es die glücklichen Eltern. Wenn ich das Wochenbett abschliesse und merke, wie sie in ihre Mutter- und Vaterrolle reingewachsen sind, sie mich anstrahlen und eventuell sogar Freudentränen fliessen – das ist für mich das Schönste.

♥ Was ist nicht so schön an deinem Beruf?
Ich bin ja auch Stillberaterin. Die Ausbildung dazu habe ich gemacht, weil ich gemerkt habe, dass es Situationen gibt, in welchen ich nicht weiterkam. Man merkt, dass Frauen stillen wollen – das ist ja auch ganz wichtig, dass der Wille da ist –  aber es klappt trotzdem nicht. Ich brauchte mehr Hintergrundwissen, um den Müttern zu erklären, warum das Baby beispielsweise zwischendurch so häufig trinken möchte und dass es nicht damit zu tun hat, dass die Muttermilch nicht sättigend genug ist, was man ja noch sehr oft hört, sondern dass das Kind einen Entwicklungs- und Wachstumsschub hat und deshalb jede Stunde (auch abends und in der Nacht) trinken möchte. Das nennt man Cluster-Feeding.
Diese Ausbildung hat mir unheimlich gut getan. Wenn man den Frauen den Grund für die Stillschwierigkeit erklären kann, können sie es eher annehmen und wissen, dass es nicht an ihnen liegt.
Es gibt aber leider noch immer Situationen, in denen es einfach nicht klappen will. Das macht mich traurig und ich frage mich dann häufig, ob ich irgendwas übersehen habe… Man muss sich dann selbst eingestehen und auch der Frau erklären, dass man wirklich alles ausgeschöpft und probiert hat und es nun mal so ist.

Häufig opfern die Männer fürs Frühwochenbett ihren Urlaub, aber ein Urlaub ist es definitiv nicht!

♥ Welche Tipps hast du fürs Wochenbett?
Wenn man schwanger ist, zelebriert man die Schwangerschaft und arbeitet auf die Geburt hin. Das ist auch richtig so. Viele Frauen sagen aber im Nachhinein, dass sie sich auch übers Wochenbett und das Stillen hätten informieren sollen.
Die ersten 14 Tage sollte man so wenig wie möglich machen! Es gibt Spitäler, welche Kinderwägen zur Verfügung stellen, sodass die Mütter mit ihren Neugeborenen eine Runde gehen können. Das ist aber total fehl am Platz. Wenn das Wetter gut ist, können sich die Mütter mit ihren Mäusen selbstverständlich auf eine Parkbank oder den Balkon setzen, aber bitte nicht spazieren. Als Thromboseprophylaxe reicht es völlig, wenn man zur Toilette oder zum Morgenbuffet läuft. Die Frauen sollen sich ausruhen, liegen und kuscheln –  das Bonding und die Erholung haben Priorität. So können auch die Wunden im Körper viel schneller heilen.
Eventuell kann man (oder gar jemand anderes) für die Zeit des Frühwochenbetts vorkochen und falls bereits ein Kind da ist, sollte das gut versorgt sein.
Die Männer sollten sich nach einer Geburt ein bisschen mehr Zeit für die Familie nehmen. Häufig opfern sie dafür ihren Urlaub, aber das ist es definitiv nicht! Es ist das Wochenbett – auch für die Männer. Die müssen ja auch ran, gerade bei einem zweiten Kind.
Die nächsten sechs Wochen, nach dem Frühwochenbett, sind das Spätwochenbett. Da kann man langsam in den Alltag hineinrutschen – langsam.

♥ Was würdest du dir – aus Hebammensicht – wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass der Mutterschaftsurlaub in der Schweiz bereits in der Schwangerschaft beginnt. Vier Wochen wären schon mal super. Die Frauen sollten von ihrem Alltag und Beruf abschalten dürfen, um sich auf die neue Situation vorzubereiten und ein bisschen Nestbau zu betreiben.

♥ Du begleitest die Frauen während einer sehr wichtigen, einschneidenden Zeit. Möchtest du manchmal wissen, wie sich die Familien und vor allem die Kinder weiterentwickelt haben?
Klar! Wenn ich spazieren gehe und ich treffe eine Familie, die ich kenne und das Kind läuft schon, frage ich mich schon, wohin die Zeit ist. Dann sehe ich, wie sich die Kinder entwickelt haben und wie die Eltern in ihrer Rolle aufgegangen sind. Manche Eltern strahlen mich an, manche wiederum gucken mich an und meinen, wie anstrengend das Elternsein doch ist. Auch in diesen Momenten kann ich noch eine Stütze sein und den Eltern Mut machen oder ihnen einen Tipp mit auf den Weg geben. Das finde ich schön.
Manche Frauen erinnern sich aber nicht an mich oder wollen sich nicht erinnern – das gibt es auch.

♥ Ach ja? Das können wir uns gar nicht vorstellen.
Ja, ich betreue auch Frauen beim zweiten Kind, die zwar zufrieden mit ihrer ersten Hebamme waren, aber dennoch das Gefühl hatten, dass es nicht passt. Das gibt es selbstverständlich auch andersherum: Es gibt Frauen, die ich beim ersten Kind betreut habe und die beim zweiten nicht bei mir sind. Natürlich hinterfrage ich mich dann und mache mir meine Gedanken. Die Frau hat sich vielleicht nicht wohl gefühlt oder ich war zu unsensibel – das kann ja alles sein.
So sind wir Menschen: Man spürt, das war gut und das mache ich nochmal so oder man merkt, dass man doch jemand anderen braucht. Und das ist ja schön.

Sagen Sie mal, haben Sie Kinder?

♥ Hast du bereits einmal eine Frau abgelehnt, die zum zweiten Mal von dir betreut werden wollte?
Nein, hier in der Schweiz nicht. In Berlin, gab es eine Situation, in der ich – allerdings bei einer ersten Schwangerschaft – gemerkt habe, dass die Frau jemand anderen braucht, was ich ihr offen gesagt habe. Das war für die Frau auch völlig in Ordnung. Bei so einem intensiven und sensiblen Ereignis muss es einfach stimmen.
Als junge Hebamme hatte ich mal eine Situation, die ich wohl nie vergessen werde: Da war dieses Pärchen; er bereits etwas älter, grau meliert, sie um die 30. Ich begleitete die beiden bei der Geburt. Während der Eröffnungsphase habe ich ihr angeboten wegen der Schmerzen die Badewanne auszuprobieren und sie hat das super gut gemacht! Der Mann sass auf dem Stuhl und las seinen Spiegel. Ich habe der Frau den Rücken massiert, einen kalten Waschlappen auf die Stirn gehalten, ihr zugeredet – was man als Hebamme halt so macht…
Irgendwann nahm er sein Magazin runter, guckte mich an und fragte: „Sagen Sie mal, haben Sie Kinder?“ Ich so: „Nein, habe ich nicht.“ Darauf sagte er: “ Ja, das ist ja so, wie wenn ein Blinder von Farben sprechen würde.“ Ich war so platt und konnte die Frau auch nicht weiter betreuen. Ich hätte alles geben, aber da er da war und mich eigentlich nicht gut genug für seine Frau fand, musste ich sie abgeben. Zum Glück hat mich dann eine erfahrene Hebamme abgelöst.
Das war ein hartes Erlebnis für mich. Auch wenn man jung ist, gibt man alles! Manchmal ist es vielleicht sogar so, dass gerade junge Hebammen sich noch mehr engagieren, dynamisch sind und Neues ausprobieren.

♥ Apropos Alter, hat sich mit der Zeit auch deine Sichtweise verändert?
Ich bin jetzt 41 und stelle fest, dass mit dieser Zahl ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Wenn man 25 ist, ist man jung. Da passt man in diese Geburten und Wochenbetten super rein – bis 35. Als ich 38 wurde, bemerkte ich, dass die Frauen ja immer jünger werden und ich immer älter. Ich machte mir dann schon so meine Gedanken und hatte Angst den Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können. Für mich persönlich ist das Schwangersein und das Kinderbekommen abgeschlossen, sowohl körperlich wie auch seelisch.
Da hat es zwei Jahre lang richtig gebrodelt in mir und ich hatte echt eine kleine Krise. Jetzt steht für mich fest, dass das natürlich geht, da ich mein ganzes Wissen und meine ganze Erfahrung miteinbeziehen kann.
Früher habe ich oft über meine älteren Hebammenkollegen gelacht: „Ihr seid doch nicht alt!“, aber jetzt weiss ich, wie es ist, wenn man 40 wird. Es ist wirklich nochmal was Neues. Man muss sich neu finden, weitermachen und glücklich sein.

♥ Vielen lieben Dank für das tolle Gespräch!

R&L

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