Women we love: Vera

Women we love: Vera

… oder wie das Leben so spielt.

Heute berichten wir über Vera, Lisas grosse Schwester. Eine beeindruckende Frau, die schon einige Stolpersteine gemeistert und so manche Umwege in ihrem Leben eingeschlagen hat.
Sie nimmt den Tag wie er kommt, macht das Beste daraus und strahlt eine unglaublich positive Energie aus, der man sich kaum entziehen kann.

♥ Erzähl uns deinen Werdegang.
Nach der Matur wollte ich die Welt entdecken und herumreisen, da ich genug von der Schule und dem ewigen Rumsitzen hatte. So habe ich erst ein halbes Jahr gearbeitet, mich dann für eine Kochlehre entschieden, habe einen Ausbildungsplatz gefunden und bin für sechs Monate nach Südamerika geflogen.
Nach meiner Rückkehr aus Südamerika habe ich also mit der Ausbildung gestartet. Da ich ja bereits eine Matur hatte, durfte ich die Lehre verkürzt, in zwei anstelle von drei Jahren, absolvieren.
Anschliessend habe ich ein Jahr als Köchin gearbeitet, was mir aber nie wirklich gefallen hat.
Ich entschied mich dann, doch noch zu studieren und zog nach Sierre ins Wallis, um die folgenden drei Jahre die Tourismusfachhochschule zu besuchen.
Während dem Studium machte ich, wieder in Südamerika, ein sechsmonatiges Praktikum bei Pasion Andina, einer winzigen, von zwei jungen Romands geführten Reiseagentur in Cusco, Peru.

Ehrlich gesagt, wollte ich auch mal mit den Händen arbeiten.

♥ Warum macht man nach der Matur eine Kochlehre? Das ist nicht wirklich der übliche Weg…
Ja, das stimmt! Aber ich hatte irgendwie genug… Und ich war schon immer eine Gastgeberin, bzw. wollte eine sein. Ausserdem haben wir Köche und Restaurants in der Familie – das gefiel mir einfach.
Dadurch, dass ich Vegetarierin bin, hat mich das Thema Essen auch schon immer interessiert, was ein weiterer Grund war, noch mehr darüber zu lernen und mein Wissen/Können an andere weiter zu geben.
Ehrlich gesagt, wollte ich auch mal mit den Händen arbeiten und hatte wirklich keine Lust mehr, nur noch Kopfarbeit zu leisten.

♥ Wie ging es nach deinem Praktikum weiter?
Da habe ich relativ lange keinen Job gefunden! Als diplomierte Touristikerin ist es – im Gegensatz zu den üblichen Berufen – nicht ganz klar, was man nun ist, bzw. was dieses Jobprofil beinhaltet. 80% aller Absolventen landen, wie mir gesagt wurde, anscheinend im Marketing, wie schlussendlich auch ich.
Ich arbeitete drei Jahre bei Zürich Tourismus, grösstenteils als Marketingmanagerin. Danach reichte es mir wieder mit der Büroarbeit, das ist einfach gar nicht meins.
Ich beendete also mein Arbeitsverhältnis per Ende März 2015 mit dem Plan, ein halbes Jahr herumzureisen und danach eventuell saisonweise in Surfcamps in Marokko oder Spanien als Köchin, im Marketing oder als Mädchen für alles zu arbeiten und nebenbei surfen zu können.

Doch dann kam alles ganz anders…
Ja, das kann man wohl laut sagen. Die ersten vier Monate meiner Reise wollte ich in Indonesien verbringen: Einfach mal nur surfen, Yoga machen und den Tag geniessen. Keine Sekunde dachte ich daran, einen Mann kennenzulernen.
Zwei Monate später war ich in einem kleinen Guesthouse in Medewi auf Bali. Als ich ankam, stand dort so ein Typ, der mich direkt begrüsste. Ziemlich desinteressiert verschwand ich gleich in meinem Zimmer, doch bevor ich mich umdrehte, stand besagter Herr bereits im Türrahmen, stellte sich als Alex vor und laberte mich zu. Ich fand ihn nett, mehr aber auch nicht.

Ich bin schwanger.

Und dann?
Dann hat sich alles einfach so ergeben: Nach drei Tagen holte mir Alex bereits die Sterne vom Himmel. Wir reisten rund zehn Tage zusammen herum und verbrachten eine Art Honeymoon, wie wir im Nachhinein festgestellt haben.
Ich war schon etwas traurig, als Alex nach unserer kurzen aber intensiven, gemeinsamen Zeit wieder zurück nach England reiste, dachte aber nicht, dass ich ihn sobald oder überhaupt wiedersehen würde. Doch noch am Tag seiner Ankunft Zuhause buchte er einen Flug nach Schweden. Dort wollte ich die nächsten zwei Monate in unserem Familienferienhaus verbringen und Alex entschied, mich besuchen zu kommen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er mich überhaupt gefragt hat!
Davor kam uns allerdings das Leben dazwischen, deshalb rief ich ihn an und sagte: „Ich bin schwanger.“

Oh, wow! Und wie hat Alex reagiert?
Sein Herz ist wohl beinahe stehen geblieben und er war verständlicherweise geschockt – immerhin hatten wir beide keine solche Nachricht erwartet. Eigentlich wäre es auch gar nicht möglich gewesen, da ich ja die Pille nahm. Was jedoch viele, so auch ich, auf Reisen vergessen oder unterschätzen, ist die Tatsache, dass die Wirksamkeit der Pille bei Magendarmgeschichten nicht mehr gewährleistet ist. Das weiss man eigentlich und doch sagt man sich: „Bei mir ist das sicher nicht so“. Tja, eben doch!

♥ Was habt ihr dann gemacht?
Wir haben uns nach langem hin und her und vielen Tränen gegen das ungeborene Baby entschieden. Auch wenn Alex schon zu diesem Zeitpunkt wusste (was ich erst im Nachhinein erfuhr), dass er mit mir den Rest seines Lebens verbringen möchte, war es vor allem er, der noch nicht dazu bereit war.
Mir war bewusst, dass ein Schwangerschaftsabbruch in Indonesien nicht möglich war. So buchte ich einen Flug nach Kuala Lumpur in Malaysia und vereinbarte einen Termin beim Frauenarzt. Dieser bestätigte meine Schwangerschaft und sagte mir aber, dass auch in Malaysia ein induzierter Abort illegal sei. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich brach in Tränen aus und meine Welt wurde erneut auf den Kopf gestellt.
Die Zeit tickte, die Tage vergingen und ich versuchte in dem winzigen Hotelzimmer ohne Fenster bei 40 Grad im Schatten einen klaren Kopf zu bekommen. Ich konnte es nun entweder in Singapur versuchen und meine Reise danach fortsetzen oder zurück in die Schweiz reisen, um dort alles „zu regeln“. Viele Telefonstunden später entschieden wir uns gemeinsam für einen anderen Weg: Ich brach meine Reise in Indonesien nach drei Monaten ab und flog nach Manchester, um Alex zu sehen. Wir verbrachten knapp zwei Wochen zusammen und versuchten herauszufinden, ob unsere (eigentlich inexistente) Beziehung alltagstauglich ist. Da uns nichts vom Gegenteil überzeugen konnte, beschlossen wir, es einfach zu versuchen! 

♥ Und dann hast du deine Pläne komplett geändert?
Nein. Ich ging nach Schweden, baute mit zwei Freunden ein Floss und verbrachte zehn Tage auf einem Fluss.
Danach blieb ich für zwei Monate im Ferienhaus in Graningebruk. Ausser in den letzten zwei Wochen hatte ich ständig Besuch von Freunden, so auch von Alex.
Im Oktober flogen wir für die Hochzeit meiner Schwester zurück in die Schweiz. Dort lernte Alex meine Familie kennen und sie ihn. Anschliessend blieben mir noch sechs Wochen, um alle Formalitäten zu regeln, bevor ich am 13. November 2015 nach England auswanderte.

Er ist von Grund auf ein sehr guter Mensch.

♥ Hattest du nie Zweifel an deiner Entscheidung?
Wahrscheinlich schon, ja. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich war einfach erleichtert, dass wir uns (aus glücklichem Zufall? Schicksal?) für das Baby entschieden hatten. Ich war bereit für ein Kind und hätte es im Nachhinein vielleicht sogar alleine versucht. Alex entsprach damals nicht meinem „Beuteschema“, was wohl gut ist, denn mit diesem Typ Mann hatte es ja bis dahin nicht geklappt! Ausserdem wusste ich schnell, dass er von Grund auf ein sehr guter Mensch ist und wir ähnliche Wertvorstellungen und Träume haben.

♥ Wie ging es dann weiter?
Mitte November zog ich also zu Alex nach Manchester. Zu Weihnachten, in meiner 33. Schwangerschaftswoche, besuchten wir meine Familie in der Schweiz.
Nach unserem Familienweihnachtsessen in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember hatte ich plötzlich Blutungen und starke Schmerzen, welche sich später als Wehen herausgestellt hatten. Zum Glück war Lisa damals auch schwanger, sodass sie uns um 2 Uhr morgens ins Krankenhaus in Wetzikon fahren konnte. Dort stellten sie einen verkürzten Gebärmutterhals und Wehentätigkeit fest. Ich bekam Wehenhemmer, die Lungenreifungsspritzen für das Baby und stand unter strikter Bettruhe. Weil die Ärzte nicht wussten, ob sich das Kleine noch ein paar Tage oder vielleicht sogar Wochen gedulden würde, trat Alex den geplanten Heimflug am 28. Dezember an, da er am 29. wieder arbeiten musste. Keine 24 Stunden Zuhause musste er jedoch wieder zurückfliegen, da ich in der folgenden Nacht nach Winterthur gebracht wurde und die Geburt nicht mehr aufzuhalten war. Zwei Stunden nach Alex‘ Ankunft am Flughafen kam unser Sohn Jack am 29. Dezember 2015, sieben Wochen zu früh, per Notkaiserschnitt zur Welt.

Sechs Wochen später als erwartet, waren wir endlich wieder Zuhause.

♥ Dann durftest du das Krankenhaus bestimmt nicht so schnell verlassen?
Nein. Normalerweise wird davon ausgegangen, dass das Frühgeborene das Spital um den errechneten Geburtstermin verlässt. So musste ich mit Jack erst vier Wochen im Kantonsspital Winterthur bleiben und danach noch zwei Wochen bei meiner Mutter in Bülach, als eine Art Eingewöhnung und Test, bevor wir nach England ausreisen konnten. Alex verbrachte die erste Woche mit uns im Spital, da er seine zwei Wochen Vaterschaftsurlaub aufteilen konnte, musste dann aber zurück an die Arbeit.
Wegen des geringeren Sauerstoffgehalts in der Flugzeugkabine durften wir mit Jack nicht fliegen und mussten auf dem Land- und Wasserweg zurück nach Manchester. Sechs Wochen später als erwartet waren wir endlich wieder Zuhause – als frisch gebackene Familie mit unserem Winzling.

♥ Und wie war das nun mit Baby quasi allein in einer fremden Stadt?
Ich weiss es gar nicht mehr so genau – #babybrain – aber ich glaube, es war ganz ok. Eigentlich wäre ich in einem Geburtsvorbereitungskurs angemeldet gewesen, den brauchte ich jetzt aber natürlich nicht mehr. Diese Gruppe von Müttern und Vätern nahm mich aber netterweise in ihre Whatsappgruppe auf und so habe ich schnell Anschluss gefunden. Wir haben uns regelmässig getroffen und ich war auch noch in anderen Babygruppen: Schwimmen, Sensorik, Messy Play, Spielgruppe und sogar Französisch für Kleinkinder!

♥ Hättest du solche Gruppen auch besucht, wenn du in der Schweiz gewesen wärst?
Vielleicht weniger da ich in der Schweiz auch Freundinnen gehabt hätte, die Babies haben. In der Schweiz hätte ich auch viel mehr Orte gekannt, wo man mit einen Baby hingehen kann.

♥  Haben dir Mama-Baby-Gruppen also geholfen Anschluss zu finden?
Ja, bestimmt. Aber es hat teilweise auch genervt. Immer dieser Smalltalk und alles drehte sich mehrheitlich um die Kinder. Deshalb unternahm ich auch viel alleine mit Jack: Wir gingen in die Stadt, besuchten das Museum, fuhren mit dem Zug – was mit nur einem Kind alles sehr gut ging.
Nach einem Monat kannte ich Manchester besser als Alex. Ich finde diese Stadt aber auch echt toll!

Es waren perfekte Ferien mit Baby.

♥ Zurück zum Thema Reisen. Alex und du, ihr habt euch ja auf Reisen kennengelernt. Nun war das ja nicht mehr so möglich…
Doch! Als Jack ein halbes Jahr alt war, haben wir sechs Wochen Ferien gebucht und sind nach Europa gereist – wie es die Engländer so schön sagen. Wir fuhren mit dem Auto und der Fähre für zwei Wochen in die Schweiz und dann für zwei Wochen an die Atlantikküste in Südfrankreich. Zum Abschluss unserer Reise blieben wir noch eine Woche im spanischen Baskenland.
Jack hat uns also nicht davon abgehalten zu reisen und es waren perfekte Ferien mit Baby.

 Wie ging es weiter?
Zurück in Manchester ging Alex wieder arbeiten und ich blieb zu Hause bei Jack. Mir war schon vor Jacks Geburt klar, dass ich nicht gleich nach dem Mutterschaftsurlaub (der mir in England leider nicht zustand) zurück an die Arbeit gehen würde. Ausserdem war ich ja vor der Schwangerschaft an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht genau wusste, was ich eigentlich wollte! Und ein Säugling wie auch kein Job, der auf mich wartete, nahmen mir diese Entscheidung vorerst mal ab.

♥ Ihr wart also zurück in Manchester, und dann?
Dann haben wir uns verlobt!

♥ Oh! Ganz klassisch?
Er fragte mich eines Morgens im Bett, was ich davon halten würde, ihn zu heiraten. Wir hatten schon vorher darüber gesprochen und es war für mich klar, dass ich diesen Schritt machen wollte.

Wir wollten dem Ganzen mehr Ernsthaftigkeit verleihen.

♥ Stand dies schon fest, als ihr euch damals für euer gemeinsames Baby entschieden habt?
Nein. Ich habe Alex eigentlich mal gesagt, dass ich nicht unbedingt heiraten möchte, weil ich es irgendwie altmodisch fand. Aber da Jack in der Schweiz geboren ist, war alles etwas kompliziert mit all diesen Gesetzen und darum war die Heirat aus praktischen Gründen naheliegend.
Wir wollten jedoch auch den Kreis unserer Familie schliessen und dem Ganzen noch mehr Gewicht und Ernsthaftigkeit verleihen.

♥ Und dann habt ihr geheiratet?
Im Februar haben wir uns verlobt und während den Hochzeitsvorbereitungen für den September wurde bekannt, dass Alex endlich in den Südwesten Englands versetzt werden würde. Er hatte schon immer davon geträumt in Cornwall zu leben und zwei Jahre nach seinem Gesuch wurde dort bei seinem Arbeitgeber eine Stelle frei, die er besetzen konnte. So geschah alles wieder einmal ziemlich schnell: Im Juni wurde seine Versetzung bekannt, im Juli haben wir Miethäuser besichtigt, am 16. September 2017 wurde geheiratet und zwei Tage später sind wir mit Sack und Pack nach Newquay umgezogen.

♥ Wie unterscheidet sich Newquay von Manchester?
Eigentlich in allem. Manchester ist eine relativ grosse Stadt, die viel zu bieten hat bezüglich Kultur, Gastronomie, Nachtleben und natürlich auch wirtschaftlich und im Bereich der Ausbildung. Die Natur ist nicht komplett verdrängt, man muss sie aber suchen. Newquay ist das pure Gegenteil. Ein kleines Städtchen in dem keine grossen Geschäfte abgeschlossen werden, man vergeblich einen H&M sucht, die Natur unübersehbar und das Meer ständig präsent ist.
Ein Ort an dem man gerne Urlaub macht. Im Sommer sehr gut besucht, im Winter angenehm ruhig, bekannt als einer der besten Surfspots Englands. Uns war schnell klar, dass wir uns und unseren Kindern die Möglichkeit geben wollten, dort zu leben und mit Meer und Surfboard aufzuwachsen.

♥ Du sprichst von KindERN?
Ja, im Januar wurde ich wieder schwanger – dieses Mal geplant. Wir wollten schon früher ein zweites Baby, aber da Hochzeit und Umzug noch anstanden, haben wir gewartet.
Ich bin mir nicht sicher, wie stark der damalige Umzug nach England eine Rolle bei der Frühgeburt von Jack gespielt hat und wollte kein unnötiges Risiko eingehen.
Unterdessen hatten wir bereits rund vier Monate in unserem Mietshaus gewohnt und wollten nun etwas Eigenes. In England kauft man relativ schnell ein Eigenheim, in dem man jedoch selten alt wird. Denn hier wird, im Gegensatz zur Schweiz, häufiger gekauft und wieder verkauft, um sich langsam „nach oben“ zu arbeiten. Wir haben lange gesucht und dann im April ein Haus in Newquay gefunden, in welches wir Ende Juni hätten einziehen können.

Im Krankenhaus haben sie mich gleich da behalten.

♥ Wie verlief deine zweite Schwangerschaft?
Während meiner ganzen zweiten Schwangerschaft hatte ich ein ungutes Gefühl. Es war komplett anders als bei Jack. Ich hatte andauernd Schmerzen und einen Druck nach unten. Da ich wusste, dass die Frauen meiner Familie dazu neigen, einen schwachen Gebärmutterhals zu haben, habe ich in der 23. Schwangerschaftswoche einen Untersuch des Gebärmutterhalses vereinbart.
Ich erinnere mich gut: An diesem Tag war ich mit Jack in Truro, einem hübschen Städtchen in Cornwall. Am Nachmittag musste ich für die Untersuchung ins dortige Krankenhaus, wo sie mich gleich behalten haben. Mein Gebärmutterhals war stark verkürzt, nur noch 9 mm. In derselben Nacht wurde ich per Ambulanz ins anderthalb Stunden entfernte Spital in Plymouth (Devon) verlegt, da dieses auf Extremfrühgeburten spezialisiert ist.
Zwölf Tage, unendlich viele Medikamente, Spritzen, Tränen, Blutverluste, Untersuchungen, Behandlungen und falsche Diagnosen später, musste ich Jowan auf natürliche Weise gebären, ohne zu wissen, ob er die Geburt überleben würde. Er war zu klein, um am Monitor überwacht werden zu können und das Risiko für mich angeblich zu gross, um einen Kaiserschnitt zu machen. Mit seinen knapp 30 cm Länge und 869 g Gewicht war er das kleinste Baby, das ich je gesehen hatte. Er war etwas blass, vielleicht auch blau. Aber er lebte.
Alex und ich mussten uns schon vor seiner Geburt überlegen, ob die Ärzte Jowan reanimieren sollten, würde sein Herz nach der Geburt nicht schlagen. Das war die bisher schlimmste Entscheidung in meinem Leben. Zum Glück kam es schlussendlich nicht dazu. Die darauffolgenden sieben Wochen in Plymouth waren eine stetige Berg- und Talfahrt. Jeden Morgen, wenn ich von meinem Bett auf der Station zu seinem Inkubator ging, hoffte ich, dass es ihm mindestens so gut ging, wie einige Stunden zuvor, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Nach zwei Wochen durfte ich ihn das erste Mal halten!
Trotz vieler Rückschläge wurden wir nach 50 Tagen nach Truro verlegt, was nur noch eine knappe halbe Stunde von unserem Zuhause entfernt liegt. Dort musste Jowan nochmals zehn Wochen bleiben, bis wir ihn dann endlich nach 121 Tagen – zwei Wochen nach errechnetem Geburtstermin – nach Hause nehmen durften. Zuerst brauchte er noch Sauerstoffunterstützung, dies konnte aber nach drei Monaten eingestellt werden. Er entwickelt sich zum Glück sehr gut und ist jetzt bereits elf (oder korrigiert sieben) Monate alt.

♥ Nun bist du eine Mama von zwei Jungs. Wie ist das für dich?
Ganz ehrlich? Ich finde es unglaublich anstrengend! Vor allem anfangs, als Jowan noch sehr viel Unterstützung und Zuwendung brauchte und ich doch immer wieder Angst um ihn hatte. Ich hatte auch stets das Gefühl, dass ich Jack nun nicht mehr gerecht werden könne. Ich fragte mich andauernd, warum mir das niemand gesagt hatte?
Heute geht es Jowan zum Glück besser und mir daher auch. Ausserdem hat sich unser Alltag etwas eingependelt.

♥ Zwei Jungs sind also definitiv genug?
Definitiv! Als ich schwanger mit Jowan im Krankenhaus lag, musste ich diese Entscheidung quasi schon treffen, da nicht nur seine, sondern auch meine Gesundheit und damit verbunden eine Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter) zur Diskussion stand. Für mich war schnell klar, dass ich, ohne zu wissen, ob Jowan es schaffen würde, nicht mehr schwanger werden kann. Und zwar einerseits wegen dem Risiko, dass mir etwas passieren könnte und Jack dann sein Mami verlieren würde und andererseits weil ich das alles nicht noch einmal durchmachen konnte.
Nun haben wir zum Glück zwei tolle Jungs und es ist wunderschön so.

Es wird einfacher!

♥ Was gibst du anderen Müttern mit?
Zwei Kinder sind echt anstrengend. Zumindest wenn eines noch ein Baby und das andere auch die ganze Zeit zuhause ist. Jack durfte wegen der Ansteckungsgefahr für Jowan die ersten Monate nicht in die Krippe. Die gute Nachricht ist: Es wird einfacher! Sie bleiben nicht immer so klein und hilflos. Das merke ich jetzt langsam, da meine beiden Jungs sogar schon etwas zusammen spielen oder Jack auf seinen Bruder aufpassen kann. Zumindest bis der seine Spielsachen in den Mund nimmt. Dann ist der Spass vorbei!
Etwas anderes ist das „Nein-sagen“. Oftmals fragt mich Jack, ob er dieses oder jenes darf, oder er macht irgendwas, was mir gerade nicht passt. In solchen Situationen habe ich am Anfang immer gleich „nein“ gesagt. Im letzten Jahr habe ich mir aber vorgenommen, nur noch dann nein zu sagen, wenn es wirklich wichtig ist und ihn öfters auch einfach mal machen zu lassen.

♥ Wie sieht es mit Tipps aus für Mütter mit kleinen Kindern in einem fremden Land?
Geht auf Leute zu um sie kennenzulernen, werdet Teil von Baby- oder Kindergruppen und verwendet die App „mush„, bei welcher man, wie bei einer Dating-App, Mütter mit gleichen Interessen treffen kann.
Mir hat ausserdem die Tatsache geholfen, dass wir in einer Kleinstadt mit zahlreichen Annehmlichkeiten und Möglichkeiten leben und ich nicht die ganze Zeit alleine sein muss, wie ich es in einem ländlicheren Ort vermutlich wäre.

♥ Vielen lieben Dank für das tolle Gespräch!

R&L

Related Stories

1 Comment

  • Elke
    4 Wochen ago

    Hallo Ihr Lieben, ein tolles Gespräch und eine erstaunliche Lebensgeschichte, die mich sehr berührt hat.Liebe Grüße an alle von Elke

Leave a Comment

Leave A Comment Your email address will not be published