Alltagsgeschichten: Emanzipation vs. Tradition

Alltagsgeschichten: Emanzipation vs. Tradition

… oder ein heilloses Definitionsschlamassel.

Was mir Re, vor einigen Tagen wieder mal sehr bewusst wurde, als mir mein Liebster von einer Bloggerin berichtetet, die sich unheimlich über ein Berner Lokal aufgeregt hatte, da man es gewagt hatte, ihr eine Damenkarte zu reichen. Auf besagter Karte fehlten die Preise, worauf Empörung aufstieg und das Wort Emanzipation ins Feld geführt wurde.

Das eine hat aber in meinen Augen mit dem anderen so gut wie gar nichts zu tun:
Mein lieber Papa stammte aus einer anderen Zeit, war er doch ziemlich genau ein halbes Jahrhundert älter als ich. Als er jung war, drehte sich die Welt bestimmt genau so wie heute, gewisse Dinge wurden jedoch anders gehandhabt:
… man buhlte um die Gunst der Liebsten und brachte ihr grundsätzlich etwas mit, wenn man sie abholte.
… man hielt ihr die Tür auf, wenn man ein Lokal betrat.
… man half ihr in den Mantel, wenn sie ihn anziehen wollte.
… im Restaurant reichte man der Dame teilweise eine Karte ohne Preise, da sie einfach nach Gutdünken und nicht nach Preis entscheiden sollte.
… allenfalls bestellte man sogar für sie, um sie zu beeindrucken und charmant zu sein.
… und man beglich die Rechnung, um ihr zu zeigen, dass man durchaus in der Lage sein würde, sie auch in Zukunft zu ernähren.
Diese Liste liesse sich noch endlos erweitern…

Mein Papa hat also solange ich denken kann, die Rechnungen für meine Mutter, mich und grundsätzlich alle anderen Gäste bezahlt.
Er stand mein Leben lang auf, wenn ich den Tisch verliess und stand auch auf, wenn ich wieder dazu kam – egal wie oft ich das tat.
Er hielt mir immer die Tür auf.
Er brachte mir etwas Kleines mit, wenn wir ihn zum Essen einluden
und schrieb mir zu sämtlichen Feiertagen eine Karte.
Er half mir in den Mantel, wenn es mein Liebster nicht schnell genug tat.
Und er bezahlte meinen Kaffee, wenn ich nicht darauf bestand, ihn einzuladen und schneller war als er…
Auch diese Liste liesse sich noch endlos erweitern…

Das alles hat in meinen Augen nichts, aber rein gar nichts mit dem Thema Emanzipation zu tun. Im Gegenteil: Dem grössten Teil der Herrenwelt, so auch meinem Papa, war gewiss bereits damals klar, dass eine Frau normalerweise ganz alleine in der Lage ist, eine Tür aufzuhalten, sie selbst in ihren Mantel kommt, fähig ist, im Restaurant eine Bestellung aufzugeben und diese am Ende auch zu bezahlen etc. etc.
Ich habe ihm bestimmt tausendfach zu erklären versucht, dass es nicht nötig sei (beispielsweise bei uns zuhause, wo ich Gastgeberin war und zigfach aufstehe) dauernd aufzustehen, wenn ich den Tisch für 10 Sekunden verliess, aber er liess sich nicht davon abbringen, weil er mir unter anderem damit seinen Respekt zeigte und mich wertschätzte. Und weil er es nun mal nicht anders wollte.
Ich eigentlich auch nicht. Schliesslich war ich doch daran gewöhnt, fand diese Gesten aufmerksam und stehe doch tatsächlich auf Männer mit Manieren.

Eine Speisekarte ohne Preise ist meiner Ansicht nach nicht anders zu betrachten als ein Geschenk, das man macht: Da entfernen wir die Preise ja auch, ehe wir verpacken und verschenken. Wieso also nicht die Preise bei der Speisekarte weglassen, wenn jemand eingeladen wird? Es ist meiner Ansicht nach auch völlig unangebracht jemanden einzuladen und am Ende die Rechnung laut zu kommentieren, so im Sinne von „deine Auswahl hat im Fall so und so viel gekostet…“
Auch das ist eine Frage des Anstandes, kein Gleichberechtigungs-Thema.

Des Weiteren finde ich es auch wunderbar, von meinem Liebsten ausgeführt zu werden, ohne die Rechnung mit ihm teilen zu müssen, nur um zu beweisen, dass ich nicht abhängig von ihm bin. Mein Liebster kennt meinen Lohn, weiss, was ich beruflich leiste und dass ich finanziell nicht auf ihn angewiesen bin und hat bestimmt schon gemerkt, dass ich einen ganz eigenen Kopf habe, den ich notfalls durch Betonwände donnere (abgesehen davon, dass wir eh ein gemeinsames Konto führen).
Ich muss also weder ihm, noch sonst jemandem auf dieser Welt immer und überall beweisen, ob und inwiefern ich unabhängig, bzw. gleich stark bin wie er oder sonst jemand auf Erden.
Manchmal führe ja auch ich meinen Mann aus, organisiere und bezahle. Manchmal eben nicht.
Und das ist Emanzipation.

Und noch so am Rande: Ich hätte es ehrlich gesagt mehr als nur ein wenig schräg gefunden, wenn mein Liebster unsere erste Rechnung, womöglich noch auf den Rappen genau, mit mir geteilt hätte – nicht, weil ich meinen Teil nicht hätte bezahlen können, sondern weil ich dies per se äusserst unsexy gefunden hätte.

*Dieser Beitrag wurde aufgrund ähnlicher Diskussionen bereits auf Res altem Blog veröffentlicht.

R&(L)

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